Artikel-Schlagworte: „F.M.Alexander“
Weniger ist mehr
Peter Ruhrberg hat eine exzellente Einführung in die Alexander-Technik mit dem Titel “Weniger ist mehr” geschrieben. Auf seiner website bietet er das 26-seitige Dokument gratis als pdf-download an. Es ist nach meinem Empfinden von bestechender Logik und in einem klar verständlichen Schreibstil verfasst. Es ist eine der besten Einführungen in die Alexander-Technik, die ich im Internet bisher gefunden habe.
Hier zunächst ein Überblick über die Inhalte, damit Sie wissen, ob der Artikel für Sie überhaupt interessant ist:
Was ist Alexander-Technik?
Der Ansatz
Anwendungsbereiche
Geschichte und Methodik
Definition “Alexander-Technik”
Ein Gedanke zum Auftakt
Zwei Entdeckungen Alexanders
Weitere Erkenntnisse in Alexanders Arbeit
Grundannahmen der Alexander-Technik
Die Aufgabenstellung
Alexanders Weg der Selbstschulung
Der Alexander-Unterricht
Quellen
Wer das Buch “What You Think Is What You Get” von Donald L. Weed kennt wird deutliche Paralellen erkennen können. Wenn Sie es es also mit dem Englischen nicht so haben sollten, können Sie ruhig erstmal Ruhrbergs kostenlose Einführung lesen, bevor Sie Weeds Buch lesen. Dann sind Sie schon mitten drin im Thema.
Was mir besonders gut gefallen hat, sind die vielen nützlichen (In-)Fragestellungen, die einen erfrischend neuen Zugang zum Verständnis der Alexander-Technik eröffnen können.
Auch wenn es den Lesefluss nach meinem Empfinden etwas stört, so kann ich es inzwischen doch sehr wertschätzen, dass Ruhrberg für (fast) jede einzelne Aussage eine oder meist sogar mehrere Quellenangaben macht. Diese Quellenangaben konnte ich jedoch nutzen, um mir einige Aussagen aus Alexanders Büchern auf eine neue Art und Weise zu erschliessen, sie zu hinterfragen und somit Neues zu lernen. Ich habe davon sehr profitiert.
Peter Ruhrberg: Weniger ist mehr – Eine Einführung in die F.M.Alexander-Technik
.:.
Neben weiteren interessanten Artikeln, findet sich auf der website ausserdem noch ein Plädoyer für das wiederholte, genaue Lesen von F.M.Alexanders Büchern, das sich im Besonderen (aber nicht nur) an Lehrer der Alexander-Technik zu richten scheint. Ruhrberg schreibt:
“Als Kinder hatten meine Spielgefährten und ich großen Spaß bei einem Spiel, das noch heute unter dem Namen „Stille Post“ bekannt und verbreitet ist. Inzwischen gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen über die Unzuverlässigkeit und die Verfälschungen, die mit einem solchen lediglich mündlichen Prozess der Weitergabe von Informationen, Kenntnissen und Fähigkeiten einhergehen. Ich wäre nicht sehr glücklich darüber, wenn die Präzision und Glaubwürdigkeit dessen, was Alexander über seine Ideen und seine Lehre mit größter Sorgfalt schriftlich zu formulieren versuchte, über längere Zeit hauptsächlich von einer solchen Art und Weise der Weitergabe abhängig bliebe – vor allem, wenn es nicht wirklich nötig ist.“
Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Ich denke ausserdem, dass sich das Lesen des “Orginals” und Gedanken, die man in Sekundärliteratur und/oder Unterrichtsstunden kennengelernt hat, sich gegenseitig zu bereichen vermögen. Aber eben erst dann, wenn man die Primärliteratur wirklich auch gründlich studiert hat! (in dem Fall wäre weniger dann ausnahmsweise mal nicht mehr
)
Wieso sollte es überhaupt am Studieren der Primärliteratur scheitern? Hierzu bemerkt Ruhrberg:
So gibt es nach wie vor Alexander-Lehrer und -Schüler, die Alexanders Schreibstil zu kritisieren oder zu verteidigen versuchen, und dabei kommen oft Argumente ins Spiel wie: „unverstehbare Sprache“, „viktorianischrationalistisches Denken“, „gewundene Ausdrucksweise“, „zu formaler, hochtrabender, geschwollener Stil“, „veraltete Ideen“, „gefährliche Irrtümer“ und immer wieder „Alexanders Sätze finden einfach kein Ende“.
Ich selbst finde es immer wieder spannend in Alexanders Büchern zu lesen. Im Lichte neuer Erfahrungen, die ich (seit dem letzen Lesen) gemacht habe, kann ich immer wieder Neues entdecken, dass da “vorher noch nicht stand”. Zumindest habe ich es nicht, oder nicht in dieser Weise wahrgenommen.
Das ist, was Tor Noerretranders in seinem genialen (und leider seit Jahren vergriffenen) Buch Spüre die Welt als Ex-formation (im Ggs. zur In-formation) bezeichnet hat: je durchdachter und damit “gehaltvoller” ein Text ist, desto mehr Information wurde aussortiert und desto reichhaltiger wird ein Text empfunden, weil der Leser die aussortierte Information selbst ergänzen muss (=denken), und den Text somit automatisch mit Leben füllt. Und genau darum geht es doch letzten Endes: den Text mit Leben zu erfüllen.
Ruhrberg bietet z.Z. auf seiner website übrigens einen “Lesekurs zum Verständnis der Schriften von F.M. Alexander” an. Wenn ich nicht knapp 2000km entfernt wohnen würde, würde ich bestimmt hingehen. Vielleicht gibt’s das ja irgendwann mal als Online-Kurs? Wäre bestimmt sehr spannend…
Bild: © slicer/ PIXELIO